
Vielleicht denkst du gerade: Wozu nach Böhmen fahren? Rollläden runter, Handy aus, und schon habe ich mein Dunkelretreat zu Hause. Probier es ruhig. Ich sage dir nur vorher ehrlich, woran es meistens scheitert. Lenka und ich begleiten seit 2013 Menschen in die Dunkelheit, über 3000 waren es bisher, und als wir 2014 die erste Hütte gebaut haben, haben wir selbst gelernt, wie schwer es ist, einen Raum wirklich dunkel zu bekommen und trotzdem darin leben zu können. Hier sind die sechs Stolpersteine, und am Ende, was zu Hause trotzdem gut funktioniert.
Dunkelretreat zu Hause: Erst einmal muss es wirklich dunkel werden
Im Alltag hältst du dein Schlafzimmer wahrscheinlich für dunkel. Bleib einmal eine halbe Stunde mit offenen Augen darin liegen. Die Augen gewöhnen sich an die Dunkelheit und fangen an, alles einzusammeln, was sie finden: den Spalt am Rand des Rollladens, den Streifen unter der Tür, das Lämpchen am Router, am Fernseher, am Ladegerät, am Rauchmelder. Was du sonst nie bemerkst, leuchtet plötzlich wie eine Straßenlaterne.
Wir haben das beim Bau der Hütten am eigenen Leib gelernt. Allein dafür zu sorgen, dass die Klimaanlage nicht leuchtet, war eine eigene kleine Herausforderung. Ein Dunkelretreat braucht eine Dunkelheit, in der es egal ist, ob die Augen offen sind oder zu. Halbdunkel ist etwas anderes. Darin schläfst du gut, aber dein Kopf sucht weiter, und genau das soll er im Dunkelretreat irgendwann aufgeben.
Ohne frische Luft geht es nicht
Hast du alle Ritzen abgeklebt und die Tür mit einem Handtuch abgedichtet, kommt das nächste Problem: Luft. Ein dichter Raum, in dem ein Mensch tagelang lebt, wird schnell stickig. Das Fenster aufmachen heißt aber Licht hereinlassen. In unseren Hütten tauscht eine Lüftungsanlage die Luft zwei- bis dreimal pro Stunde aus, ohne dass ein Lichtstrahl mitkommt. Zu Hause improvisiert man das nicht an einem Nachmittag.
Der Kühlschrank und der Rest des Haushalts
Irgendwann wirst du hungrig. Und dann? Wer kocht? Wer bringt es dir? Selbst in die Küche gehen ist heikel, denn der Kühlschrank ist der natürliche Feind jedes Dunkelretreats zu Hause: Tür auf, Licht an, Retreat vorbei 🙂
Dazu kommt etwas Unsichtbares. Zu Hause erinnert dich alles an das, was noch zu tun ist. Eine Teilnehmerin hat es nach ihrem Aufenthalt bei uns so beschrieben: Daheim will sie oft meditieren oder sich einfach einen Moment für sich nehmen, und dann steht da der schmutzige Topf, und dann noch das, und dann noch jenes. Bei uns war diese Zeit endlich wirklich ihre. Auch im Dunkeln weißt du zu Hause genau, wo der Wäschekorb steht.
Die anderen Menschen
Lebst du nicht allein, ist es mit der Ruhe schnell vorbei. Der Partner braucht kurz etwas aus dem Zimmer, die Kinder wollen wissen, ob du noch lebst, der Paketbote klingelt, und beim Nachbarn wird ausgerechnet heute gebohrt. Selbst wenn alle es gut meinen: Du hörst dein normales Leben durch die Tür, und dein Kopf hört mit. Er bleibt zu Hause, auch wenn du die Augen zumachst.
Und dann ist da noch das Handy. Ausgeschaltet im Nachbarzimmer ist es trotzdem nur zwanzig Schritte entfernt. „Nur kurz nachschauen“ ist der Anfang vom Ende jedes Dunkelretreats zu Hause.
Der Ausgang ist zu nah
Auch bei uns kannst du jederzeit das Licht anmachen und gehen, das ist uns wichtig. Aber es ist ein Unterschied, ob du dafür eine Entscheidung treffen musst oder ob der Ausgang einfach überall ist. Zu Hause wartet hinter der Tür nicht ein Obstgarten, sondern dein ganzer Alltag. Am dritten Tag, wenn sich die Langeweile meldet und der Kopf alle Argumente sammelt, warum das sinnlos ist, ist der Lichtschalter zu Hause verdammt verlockend. Wer extra angereist ist, gibt der Dunkelheit leichter noch eine Nacht. Und oft ist es genau die Nacht, nach der es kippt.
Niemand, mit dem du reden kannst
Im Dunkeln kommt einiges hoch: Gefühle, Erinnerungen, manchmal einfach Unruhe. Meistens ist das in Ordnung und geht vorbei. Aber manchmal tut es gut, mit jemandem zu reden, der das kennt. Bei uns sind wir jeden Tag da, wohnen 50 Meter neben den Hütten und haben seit 2013 ziemlich viel gehört. Zu Hause ist da im besten Fall jemand, der dich liebt, aber nicht weiß, was in der Dunkelheit passiert, und dir aus Sorge rät, doch lieber rauszukommen.
Und noch ein ernstes Wort: Wenn du psychisch gerade nicht stabil bist, probier das bitte auch zu Hause nicht aus. Was auf unserer Seite Sicherheit und Kontraindikationen steht, gilt im eigenen Schlafzimmer genauso.
Was beim Dunkelretreat zu Hause trotzdem funktioniert
Ich will dir das Ausprobieren nicht ausreden. Ein Abend oder eine Nacht im Dunkeln zu Hause kann dir einiges zeigen. Damit es klappt:
- Nimm dir einen Abend vor, nicht eine Woche. Dann musst du dich nicht ums Essen und um frische Luft kümmern und kannst dich ganz auf die Dunkelheit einlassen.
- Klebe alle Lämpchen ab und dichte den Türspalt mit einem Handtuch ab. So merkst du, wie viel Licht sonst um dich herum ist, ohne dass du es wahrnimmst.
- Sag allen im Haushalt Bescheid und leg das Handy in ein anderes Zimmer. Erst dann hast du wirklich ein paar Stunden nur für dich.
- Mach nichts. Kein Podcast, keine Musik, kein Hörbuch. Nur so merkst du, was dein Kopf tut, wenn er keine Beschäftigung bekommt.
- Achte darauf, was in dir passiert: Langeweile, Unruhe, Ruhe? Danach weißt du ziemlich gut, ob dich eine längere Zeit im Dunkeln reizt oder eher schreckt.
Eine Schlafmaske ist übrigens kein Ersatz. Sie hilft beim Einschlafen, aber sie drückt, verrutscht und erinnert dich die ganze Zeit daran, dass sie da ist. Im Dunkelretreat geht es gerade darum, die Augen offen haben zu können und trotzdem nichts zu sehen.
Ein Stück Dunkelheit mit nach Hause
Interessanterweise geht es bei vielen Teilnehmenden am Ende genau in die andere Richtung. Sie sagen beim Abschied, sie wollen sich ein Stück der Dunkelheit mit nach Hause nehmen: mehr Zeit für sich, weniger „ich sollte noch“. Ein Dunkelretreat zu Hause klappt selten. Aber das, was man in einem Dunkelretreat findet, zu Hause weiterzuleben, das ist machbar. Es braucht nur zuerst einen Ort, an dem man es finden kann.
Wenn du mehr willst als einen Abend, schau dir an, wie eine Woche bei uns Tag für Tag abläuft, und lies, wie lange ein Dunkelretreat dauern sollte. Unsere fünf Hütten findest du unter Hütten.
Wir freuen uns auf dich – Tom & Lenka