
Ist ein Dunkelretreat gefährlich? Die kurze Antwort: Für die meisten Menschen nicht. Für manche schon, und für manche gerade jetzt nicht das Richtige. Die lange Antwort ist dieser Artikel. Lenka und ich begleiten seit 2013 Menschen in die Dunkelheit, über 3000 waren es bisher, und ich war selbst eine Woche drin. Ich schreibe dir hier, wovor die Leute vorher Angst haben, was tatsächlich passiert und wann wir dir lieber abraten.
Ein Dunkelretreat ist keine Therapie im medizinischen Sinn
Das zuerst, weil es wichtig ist. Das Wort Dunkeltherapie hat sich eingebürgert, aber mit Medizin hat ein Dunkelretreat bei uns nichts zu tun. Wir sind keine Ärzte und keine medizinische Einrichtung, und ein Aufenthalt im Dunkeln ersetzt keine ärztliche Behandlung. Wir bieten ein paar Tage Dunkelheit und Ruhe an, freiwillig und auf eigene Verantwortung. Nicht mehr und nicht weniger.
Gerade deshalb sagen wir offen, für wen es nicht passt. Wer dir eine Woche Dunkelheit als Lösung für alles verkauft, dem würde ich nicht trauen.
Die häufigsten Ängste vor einem Dunkelretreat, ehrlich beantwortet
„Was, wenn ich da drin durchdrehe?“
Das ist die Frage hinter fast allen anderen Fragen. Ehrliche Antwort: Im Dunkeln wird der Kopf erst laut und dann leise. Gefühle, Erinnerungen und Gedanken, die du sonst wegschiebst, kommen vorbei. Das ist nicht immer angenehm, und wir verschweigen es nicht. Bei Menschen, die psychisch stabil sind, gehört das dazu und geht meistens vorbei. Bei manchen psychischen Erkrankungen kann die Dunkelheit aber zu viel sein. Genau deshalb gibt es weiter unten eine Liste, wann wir dir abraten.
Und noch etwas: Langeweile, Unruhe und der Gedanke „Was mache ich hier eigentlich?“ sind kein Zeichen, dass etwas schiefläuft. Sie kommen fast bei allen und sind meistens nach der ersten oder zweiten Nacht leiser.
„Bekomme ich da drin genug Luft?“
Ja. Jede Hütte hat eine Lüftungsanlage, die die Luft zwei- bis dreimal pro Stunde austauscht, ohne dass Licht hereinkommt. Du musst kein Fenster öffnen und atmest trotzdem frische Luft. Kleine Randnotiz aus dem Bau: Dafür zu sorgen, dass die Klimaanlage nicht leuchtet, war eine eigene kleine Herausforderung. Im Dunkeln wird ein Lämpchen, das zu Hause keiner bemerkt, plötzlich zum Leuchtturm.
„Und wenn ich Platzangst bekomme?“
In der Hütte gibt es einen Lichtschalter und einen Schlüssel, und die Tür geht von innen auf. Niemand sperrt dich ein, niemand hält dich fest. Komisch, aber wahr: Sobald die Leute das wirklich wissen, verschwindet die Angst vor dem Eingesperrtsein meistens von allein. Wenn du ausgeprägte Klaustrophobie hast, ruf uns bitte vorher an, und wir reden darüber, bevor du buchst.
„Kann ich mich im Dunkeln verletzen?“
Wenn ich ehrlich bin, ist das realistischste Risiko im Dunkelretreat ziemlich unspektakulär: ein angestoßener Zeh. Deshalb lernst du die Hütte bei Licht kennen, bevor du es ausschaltest, und jedes Ding hat seinen festen Platz. Beweg dich in den ersten Tagen langsam, und sei beim Wasserkocher aufmerksam. Heißes Wasser ist im Dunkeln genauso heiß wie im Hellen, man sieht es nur nicht kommen 🙂
„Sieht man da drin Dinge, die nicht da sind?“
Manche sehen innere Bilder, Farben oder Formen. Das ist nicht die Regel, aber es kommt vor, und für sich genommen ist es kein Grund zur Sorge. Falls es dir zu viel wird: Der Lichtschalter ist in deiner Hütte, und wir sind jeden Tag da.
„Was passiert mit meinen Augen?“
In der Dunkelheit selbst nichts Besonderes. Danach sind sie für ein paar Stunden sehr empfindlich. Deshalb gehen viele gern im Morgengrauen hinaus, wenn es langsam hell wird und die Augen mitkommen können. Eine Sonnenbrille im Gepäck schadet nicht. Und setz dich nicht gleich ans Steuer: Einige Teilnehmende konnten in den ersten Stunden Entfernungen schlecht einschätzen.
Wann ein Dunkelretreat für dich nicht passt
Bitte buche nicht, wenn du gerade in einer akuten seelischen Krise steckst, wenn du eine psychotische oder manisch-depressive Erkrankung hast oder hattest, wenn du Gedanken hast, dir etwas anzutun, oder wenn du Epilepsie hast. Auch mit Fieber, einer akuten Infektion, unter Alkohol oder Drogen und unter 18 Jahren ist ein Dunkelretreat nicht das Richtige. Hast du Gedanken, dich selbst zu verletzen, ist jetzt nicht die Zeit für die Dunkelheit. Wende dich bitte an deinen Arzt oder an eine Krisen-Hotline in deinem Land.
Mit deinem Arzt sprechen solltest du vorher zum Beispiel, wenn du Psychopharmaka nimmst, gerade in Psychotherapie bist, schwanger bist oder eine chronische Erkrankung hast, die Versorgung braucht. Die vollständige Liste steht auf der Seite Sicherheit und Kontraindikationen. Lies sie bitte ganz, bevor du buchst. Sie ist uns wichtiger als die Preisliste.
Einer von zehn geht früher
Das ist eine Zahl, die man in Werbung selten liest. Ungefähr einer von zehn Teilnehmenden beendet sein Dunkelretreat früher als geplant. Wenn wir nachfragen, ist es selten die Dunkelheit selbst. Öfter ist es eine Krankheit oder etwas zu Hause, das nicht warten kann.
Wir überreden niemanden zum Bleiben. Ein früheres Ende ist keine Niederlage, sondern einfach ein kürzeres Dunkelretreat. Wer nach zwei Nächten geht, hatte eben zwei Nächte. Und ganz ehrlich: Ein Ort, an dem du jederzeit gehen darfst, ist sicherer als einer, an dem du dich schämst, es zu tun.
Du bist allein, aber nicht verlassen
Wir wohnen 50 Meter neben den Hütten und sind jeden Tag für dich da. Einmal am Tag klopfen wir mit dem Essen, und wenn du reden willst, hören wir zu. Ein Teilnehmer, der eine Woche geblieben ist, hatte am dritten Tag eine Krise. Er brauchte jemanden zum Reden und ein bisschen Boden unter den Füßen. Das haben wir zusammen hinbekommen, und danach wurde es für ihn mit jedem Tag besser. Wer mit so einem Moment rechnet und weiß, dass jemand da ist, erschrickt weniger, wenn er kommt.
Was du selbst für deine Sicherheit tun kannst
- Sag uns vorher die Wahrheit über deine Gesundheit, auch wenn es unangenehm ist. Nur dann können wir dir ehrlich sagen, ob es gerade passt.
- Komm nüchtern und möglichst ausgeruht. Dann bleibt dein Kopf frei für das, weswegen du eigentlich kommst.
- Fang kürzer an, wenn du unsicher bist. Eine Nacht oder drei Nächte zeigen dir, wie du mit der Dunkelheit zurechtkommst, und die Woche läuft dir nicht weg.
- Hör auf, wenn es nicht mehr geht. Das ist keine Schwäche, sondern Verantwortung für dich selbst, und du fährst trotzdem mit einer Erfahrung nach Hause.
- Plan für den Tag danach nichts Anstrengendes. So haben Augen und Kopf Zeit, wieder im Alltag anzukommen.
Unsicher? Lieber einmal zu viel fragen
Wenn du nicht weißt, ob ein Dunkelretreat für dich gerade passt, ruf uns an unter +420 608 08 33 33. Am Telefon reden wir Englisch, schreiben kannst du uns auf Deutsch. Wir schauen gemeinsam, ob es passt, und manchmal finden wir eine sanftere Variante, etwa drei Nächte statt einer Woche. Und wenn die Antwort „jetzt nicht“ ist, ist das auch eine gute Antwort. Was in so einer Woche Tag für Tag passiert, liest du im Artikel Dunkelretreat: Ablauf Tag für Tag.
Wir freuen uns auf dich – Tom & Lenka