
Wie ist es da drin wirklich? Nicht auf der Website, nicht in einem Buch, sondern in einer dunklen Hütte am vierten Tag? Das kann dir am besten jemand sagen, der gerade herausgekommen ist. Lenka und ich begleiten seit 2013 Menschen ins Dunkelretreat, über 3000 waren es bisher, und mit vielen von ihnen reden wir gleich nach dem Rauskommen vor der Kamera. Hier sind ein paar dieser Erfahrungen, so wie sie uns erzählt wurden, mit den schönen und den mühsamen Stellen.
Dunkelretreat Erfahrungen: warum wir gleich an der Tür fragen
Eine Woche später klingt alles schon anders. Der Alltag hat einen wieder, man hat es dreimal erzählt und dabei jedes Mal ein bisschen geglättet. Direkt nach dem Dunkelretreat sind die Leute noch ungefiltert, die Augen blinzeln, die Sätze kommen langsam. Darum fragen wir dann. Namen lassen wir weg, die gehören den Menschen, nicht uns. Und wir kürzen nur, wir schreiben nichts schöner.
„Am ersten Tag habe ich sechzehn Stunden geschlafen“
Ein Mann, der für drei Nächte kam, hat sich an einem einzigen Abend entschieden: angeschaut, gebucht, fertig. Er wollte sich vor allem ausruhen. Am ersten Tag hat er von sieben Uhr abends bis zu dem Moment geschlafen, als wir das Essen brachten, mit kleinen Pausen ungefähr sechzehn Stunden. „Genau dafür bin ich gekommen, und genau das habe ich bekommen“, sagte er. Ob er beim nächsten Mal länger bleibt? Er meinte, nicht jeder sei für einen Marathon gebaut, und diesmal hätten sich eben drei Tage richtig angefühlt.
Das hören wir oft. Der Körper holt sich in den ersten Tagen, was ihm gefehlt hat, und viele sind überrascht, wie viel das ist.
„Erst am Mittwochabend ging es los“
Eine Frau kam zum ersten Mal ins Dunkle und gleich für eine Woche. Sie hatte gelesen, dass man die ersten zwei Nächte meistens verschläft, und wollte deshalb nicht nur drei. Angekommen ist sie am Samstag gegen Abend, und die ersten Wahrnehmungen, das Stillwerden, kamen erst am Mittwoch gegen Abend. Dreidreiviertel Tage, hat sie nachgezählt. Sie hat sich im Raum verloren, war auf die Dunkelheit manchmal richtig wütend, und die Tage kamen ihr endlos vor.
Und dann, an der Tür, der erste Satz: „Ich bin dankbar, dass ich sehen kann.“ Rundherum sei so viel Grün, da gebe es endlich was zu schauen. Ich mag diese Erfahrung, weil sie ehrlich ist. Ein Dunkelretreat ist kein Wellnesswochenende mit garantiertem Wohlgefühl ab Minute eins.
„Erst fliegen die Gedanken weg, dann das ‚Ich sollte‘“
Viele kommen wieder. Eine Frau war vier Jahre nach ihrer ersten Woche zum zweiten Mal bei uns, diesmal kürzer. Das Gefühl sei genau dasselbe gewesen, erzählte sie. Zuerst fliegen die Gedanken weg, die einen sonst von überall her bestürmen. Dann fliegt dieses „ich sollte noch“ weg. Und dann kommt das Gefühl, dass alles in Ordnung ist, so wie es ist.
Das Wertvollste sei für sie, dass hier niemand etwas von ihr will. Man muss wirklich nichts. Wenn man es sich erlaubt, und das sei heute gar nicht so leicht. Ihre größte Aufgabe sieht sie jetzt darin, ein Stück davon in die Arbeit und nach Hause mitzunehmen.
Nach dreißig Jahren zusammen in einer Hütte
Ein Ehepaar, seit dreißig Jahren verheiratet, drei Kinder, hat drei Nächte gemeinsam in einer Hütte verbracht. Sie hätte sich allein wohl nicht getraut. Er wollte ursprünglich allein gehen und hat sich dann für ein gemeinsames Experiment umentschieden. Allein will er trotzdem noch kommen, das sei etwas anderes.
Was mich an dem Gespräch gefreut hat: Danach saßen sie noch vier Stunden mit anderen Teilnehmenden zusammen und haben erzählt, wer was erlebt hat. Wer Tage im Dunkeln geschwiegen hat, hat danach erstaunlich viel zu sagen.
„Es war langweilig, und genau das wollte ich“
Ein Mann, der gern ungewöhnliche Herausforderungen sucht, hatte kurz vorher seinen ersten Marathon hinter sich. Für das Dunkelretreat hat er sich am selben Tag angemeldet, an dem er davon gelesen hat. Die Zeit sei ihm einfach zu schnell, er wollte mal anhalten. Langeweile? „Ja, war da. Muss aber nicht schlecht sein. Genau die wollte ich überwinden.“ Die erste Hälfte war er eher müde, in der zweiten hat er viel nachgedacht. Ziemlich genau so, wie er es erwartet hatte.
„Am dritten Tag kam die Krise“
Ein Mann, der drei, vier Jahre mit dem Gedanken gespielt hatte, ist am Ende gleich für sieben Tage gekommen. Am ersten Tag hat er das fast bereut. Er fühlte sich in dem kleinen Raum beengt, allein, und rundherum nur Dunkelheit. Am dritten Tag kam eine Krise. Er brauchte jemanden zum Reden, ein bisschen Boden unter den Füßen und das Gefühl, dass er nicht allein ist. Das haben wir dann gemeinsam durchgestanden. Danach konnte er sich auf das konzentrieren, weswegen er gekommen war, und je näher das Ende kam, desto besser wurde es.
Genau dafür sind wir jeden Tag da. Nicht, um dich zu retten, sondern damit du mit so einem Moment nicht allein im Dunkeln sitzt.
„Erst als ich aufgegeben habe, fing es an“
Ein Teilnehmer aus Frankreich hatte schon ein Dunkelretreat von vier Tagen hinter sich und wollte unbedingt länger. Bei uns blieb er eine Woche, von Samstag bis Samstag. Am Anfang hat sein Kopf versucht, genau den Zustand vom letzten Mal wiederherzustellen, und gerade dieses Wollen hat ihn eine Weile festgehalten. Richtig angefangen hat es erst, als er aufgehört hat, irgendetwas zu steuern, sich hingelegt und es einfach geschehen lassen hat. Rausgekommen ist er mit einem Grinsen bis zu den Ohren.
Was in fast allen Erfahrungen vorkommt
Jeder bringt seine eigene Geschichte mit ins Dunkle, und keine Woche gleicht der anderen. Ein paar Dinge tauchen in den Gesprächen aber immer wieder auf:
- Erst wird geschlafen, und zwar viel. Wer das weiß, ärgert sich in der ersten Nacht nicht, dass „noch nichts passiert“.
- Langeweile, Unruhe und der Gedanke „Was mache ich hier eigentlich?“ kommen fast bei allen. Wer sie kommen und gehen lässt, merkt, dass sie meistens von allein leiser werden.
- Das Zeitgefühl verschwimmt. Viele erzählen, dass genau darin eine große Erleichterung lag, weil die Uhr im Kopf endlich Pause hatte.
- Am Ende wollen erstaunlich viele gar nicht mehr raus. Wer tagelang gezählt hat, wie lange es noch dauert, steht dann an der Tür und zögert.
- Die eigentliche Aufgabe beginnt zu Hause. Fast jeder sagt, er wolle sich ein Stück Dunkelheit mitnehmen, und die meisten merken, dass das eine Übung für jeden Tag ist.
Was in den Erfahrungen nicht steht
Ungefähr einer von zehn beendet sein Dunkelretreat früher. Meistens wegen einer Krankheit oder wegen etwas zu Hause, das nicht warten kann, seltener wegen der Dunkelheit selbst. In Erfahrungsberichten liest man von ihnen selten, aber es gibt sie, und das sollst du wissen.
Und nicht jeder erlebt große Bilder oder große Erkenntnisse. Manche schlafen sich drei Tage lang aus, essen in Ruhe und fahren erholt nach Hause. Das ist genauso ein Dunkelretreat. Was du da drin erlebst, können wir dir nicht versprechen, und ehrlich gesagt würde ich jedem misstrauen, der es tut. Wir können dir nur die Dunkelheit, die Ruhe und uns anbieten. Den Rest machst du.
Deine eigene Erfahrung
Lies die Geschichten anderer gern, aber halt dich nicht zu sehr daran fest. Der Mann aus Frankreich hat es selbst gemerkt: Wer mit einer fertigen Vorstellung ins Dunkle geht, steht sich eine Weile selbst im Weg. Wenn du wissen willst, wie so eine Woche praktisch abläuft, schau in den Artikel Dunkelretreat: Ablauf Tag für Tag. Und bevor du buchst, lies bitte die Seite Sicherheit und Kontraindikationen.
Eine Teilnehmerin hat ihr Dunkelretreat übrigens vom Ehemann zu Weihnachten bekommen, nach vier Jahren Elternzeit endlich Zeit nur für sich. Raus wollte sie am Ende überhaupt nicht. Ihr Mann hat also offenbar das richtige Geschenk ausgesucht. Hoffentlich hat er danach nicht zu lange auf sie warten müssen 🙂
Wir freuen uns auf dich – Tom & Lenka